Vorwort

Aus Liebe zur Verschiedenartigkeit

Innerhalb der letzten zwei Jahre porträtierte der Fotograf Primo Martinelli Persönlichkeiten aus dem Kreis Drei in Schwarzweiss, ein Projekt, mit dem er das Zürcher Quartierleben am Beispiel Zürich-Wiedikon ganz nah heranholt. Die 170 Aufnahmen, die er teilweise schon im Rahmen der Ausstellung „Wir sind Wiedikon“ 2008 im Heimat- und Ortsmuseum Wiedikon den Bewohnerinnen und Bewohnern des Quartiers und einer breiteren Öffentlichkeit gezeigt hat, liegen jetzt als Bildband vor.

„Das Ambiente des Kreises Drei, ein ehemaliges Arbeiterviertel mit seinen typischen Hinterhöfen, übt eine starke Anziehung aus auf eigenwillige und kreative Menschen, die hier mit den Alteingesessenen in harmonischem Nebeneinander leben und wirken. Immer wenn ich Besuch von auswärtigen Freunden bekomme, merke ich, wie speziell das eigentlich ist, was ich inzwischen als ganz normal erlebe. Auf einem Gang durchs Quartier treffe ich Menschen an,die tatsächlich so etwas wie ein eigenwilliges Biotop bilden.“
Was Primo Martinelli damit meint, wird klarer, wenn man sieht, wenn er auf seinem Weg antrifft: da grüsst ihn zuerst die Kunstmalerin, die unterwegs zu ihrem Schrebergarten ist, dann winkt er dem Bekannten auf der anderen Strassenseite zu, der im Hinterhof Samurai-Schwerter schmiedet und so geht das weiter. Vom Bierbrauer über die Domina bis hin zum Krimiautoren und dem Erfinder einer Wolkenmaschine.
Der 1961 im Kreis Drei geborene und aufgewachsene Fotograf trug die Idee zu diesem Projekt schon länger mit sich herum. Die Vielfalt des Quartiers fotografisch darzustellen - er wusste, dass er dieses Projekt irgendwann umsetzten würde.
Jetzt hat er es getan: Entstanden sind sehr persönliche Aufnahmen, von einem Künstler, der fein und genau beobachtet, das Gespür für Echtheit und Unmittelbarkeit hat, eine reiche Bildsprache beherrscht, systematisch und professionell vorgeht. So reicht die Bandbreite der entstandenen Bilder von der spontanen Begegnung und schnellen Momentaufnahme auf der Strasse bis zum sorgfältig vorbereiteten und wohl durchdachten Bild.

Von Identität und Echtheit

Die Persönlichkeiten traf er überall an, wo Menschen im Kreis Drei leben, arbeiten, unterwegs sind. Die Arbeit entwickelte mit der Zeit eine immer grössere Eigendynamik durch Empfehlungen und Hinweise von Porträtierten auf aussergewöhnliche Menschen in ihrem Beziehungsnetz, mit dem Nebeneffekt, dass er immer neue Leute kennenlernte und noch mehr verborgene Winkel entdeckte. „Das Leben im Quartier“ erlebte er so ständig hautnah mit, ja er brachte selbst zusätzlich Leben ins Quartier: Wenn er Menschen ansprach, sie fragte, ob sie mitmachen würden, indem er ihnen - und ihren Lebenssituationen - Aufmerksamkeit schenkte, spürten sie Wertschätzung. Indem er zur Gewinnung neuer „Kandidaten“ bereits bestehende Porträts zeigte, stellte er eine Verbindung her, denn meist traf er auf Reaktionen wie „Ah, kenne ich auch!“ oder „Die sehe ich seit Jahren jeden Tag, wer ist das eigentlich?“. So begannen die Porträtierten schon bald, sich gegenseitig - mit Neugier, Stolz und Freude - auf ihre Teilnahme am Projekt anzusprechen und kamen so ins Gespräch über sich und ihr Quartier.
„Mein Foto-Projekt ist auch so etwas wie eine neue Art empirischer Erhebung: ich trat mit den Bewohnern des Kreises Drei in eine soziale Interaktion und dadurch, dass sie mich kannten, Vertrauen fassten, legten sie ihre Befangenheit ab, vergassen zum Teil auch das Medium Kamera weit gehend und liessen sich aufnehmen, so wie sie sind. Diese Authentizität der Aufnahmen - und deren Veröffentlichung - hat eine starke identitätsstiftende Wirkung, sowohl für die porträtierten Personen als auch für die Gemeinschaft des Quartiers als Ganzes.“ So ist ein wertvolles Stück Zeitgeschichte entstanden, dokumentiert anhand des Quartierlebens im Kreis Zürich-Wiedikon, zwischen Juli 2007 und September 2009.

Dr. Christine Harte